Unter der Diagnose „Borderline-Persönlichkeitsstörung“ wird ein komplexes Syndrom verstanden, das sich kennzeichnet durch lang andauernde und ausgeprägte Schwierigkeiten der Emotionsregulation, der Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen und einer tiefgreifenden Instabilität im Selbstbild/ der Identität. Die Schwierigkeiten führen zu klinisch bedeutsamem Leiden.

Verlauf und Komorbiditäten:

Die emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ (BPS) beginnt meist im Jugendalter und geht meist einher mit einer Reihe von zusätzlichen psychischen Problemen, z.B. wiederkehrenden Depressionen, starken sozialen Ängsten, einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD), Ess-Störungen oder Alkohol-/Drogen-Abusus.

Inzwischen gibt es gut gesicherte Befunde, die zeigen, dass bei spezifischer Behandlung (spezifische Psychotherapie plus bei Bedarf psychiatrische Behandlung plus bei Bedarf zusätzliche Unterstützungsangebote) die Symptome der Borderline-Störung gut behandelbar sind, so dass für einen Teil der Betroffenen die Symptomatik teilweise oder vollständig remittiert. Auch zeigen Befunde, dass es im Mittel über den Lebensverlauf zu einem Rückgang bzw. einer Veränderung der Symptomatik kommt. Die früher oft vertretene Annahme „einmal Borderline, immer Borderline“, die zu viel Hoffnungslosigkeit auf Seiten von Betroffenen, Angehörigen und Behandlern geführt hatte, kann damit nicht umfassend aufrecht erhalten werden. Dennoch ist die Borderline-Persönlichkeitsstörung eine komplexe psychische Erkrankung, die einer spezifischen, meist längerfristigen Behandlung bedarf.

Die Basis für eine solche spezifische psychotherapeutische und psychiatrische Behandlung ist dabei eine professionelle und umfassende Diagnostik. Am besten durch einen Facharzt für Psychiatrie/Psychotherapie und/oder einen spezialisierten Psychologen/Psychologischen Psychotherapeuten. Häufige Anlaufstellen für eine umfassende Diagnostik sind die Psychiatrischen Institutsambulanzen der Kliniken, auch im Rahmen von Klinik- und Tagklinik-Aufenthalten kann die Diagnose gestellt werden. 

Die Grundlage für die Diagnose psychiatrischer Erkrankungen stellen, wie auch bei anderen somatischen und psychiatrischen Erkrankungen, die Klassifikations-Systeme des ICD-10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems, 10. Revision) und der DSM-IV / DSM-V ( Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 4. und 5. Auflage) dar.

Die Darstellung auf dieser Seite entspricht der noch gängigen Diagnose-Stellung nach ICD-10 und DSM-IV. Aktuell werden die neuen Diagnostik-Systeme DSM-V und ICD-11 erarbeitet und verabschiedet. Die ICD-11 wird 2019 verabschiedet und spätestens ab 2022 gültig sein. Neuerungen betreffen auch die Borderline-Persönlichkeitsstörung.

 

Diagnostische Kriterien – Überblick: 

Da die BPS zu den“ Persönlichkeitsstörungen“ zählt, müssen die grundlegenden Kriterien für das Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung erfüllt sein: ein Muster aus lang andauernden und situationsübergreifenden Erlebens- und Verhaltensweisen, das die Impulskontrolle, Emotionsregulation, Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen und das kognitive Erleben in weiten Teilen des Lebens (persönlich und beruflich) beeinflusst und in klinisch bedeutsamer Weise zu Leiden oder Beeinträchtigungen in all diesen Bereichen führt.

Der Begriff „Persönlichkeitsstörung“ ist dabei nicht zu verstehen als Ausdruck einer Unveränderlichkeit der Symptomatik (siehe Abschnitt oben), vielmehr als Zeichen der Komplexität, häufigen Chronifizierung und Intensität der Symptomatik.

Wenn die Kriterien für das Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung erfüllt sind, wird, was unter anderem mit Hilfe von Fragebögen und diagnostischen Interviews getestet wird, wird das Vorliegen einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ geprüft. Wenn 5 von den nachfolgend aufgeführten 9 Kriterien nach DSM-IV erfüllt sind,dies  über einen längeren Zeitraum (meist von mehreren Jahren) und über verschiedene Lebenssituationen hinweg und falls die Symptome nicht durch eine andere psychiatrische Störung besser erklärbar sind, kann die Diagnose einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ gestellt werden.

Affektivität

  • affektive Instabilität infolge einer ausgeprägten Reaktivität der Stimmung, wobei diese Verstimmungen gewöhnlich einige Stunden und nur selten mehr als einige Tage auftreten 
  • unangemessene starke Wut oder Schwierigkeiten, Wut oder Ärger zu kontrollieren (z. B. häufige Wutausbrüche, andauernder Ärger, wiederholte Prügeleien)
  • chronisches Gefühl der Leere

Impulsivität

  • Impulsivität in mindestens 2 potenziell selbstschädigenden Bereichen (z. B. Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, „Fressanfälle“, Geldausgaben)
  • wiederkehrende Suiziddrohungen, -andeutungen oder -versuche oder selbstverletzendes Verhalten 

Kognition

  • vorübergehende stressabhängige paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome
  • Identitätsstörungen: eine ausgeprägte Instabilität des Selbstbildes oder des Gefühls für sich selbst (Selbstwahrnehmung)

Interpersoneller Bereich

  • verzweifeltes Bemühen, reales oder imaginäres Alleinsein zu verhindern
  • ein Muster von instabilen, intensiven zwischenmenschlichen Beziehungen

 

Henning Saß u. a. (Hrsg.): Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen. Textrevision – DSM-IV-TR. Hogrefe Verlag, 2003.